Die Papst-Benedikt-Orgel

Die Gedächtnisstiftung Peter Kaiser
Disposition
Der Bau der neuen Orgel
Der Spieltisch
Technische Daten
Die Weihe der Papst-Benedikt-Orgel

Im Jahre 2005 konnte das Projekt eines Orgelneubaus endlich angegangen werden. Man entschied sich für die renommierte Firma Mathis AG in Näfels in der Schweiz und erstellte die endgültige Disposition des Instruments.

DIE GEDÄCHTNISSTIFTUNG PETER KAISER

Auf der Grundlage der vom Stiftskapellmeister persönlich überbrachten Unterlagen zur historischen, kunsthistorischen und spirituellen Bedeutung der Alten Kapelle sowie zur dort in langer Tradition gepflegten Kirchenmusik und unterstützt von diversen Empfehlungsschreiben, insbesondere von Domkapellmeister i.R. Prälat Georg Ratzinger, dem Bruder des Heiligen Vaters, gelang es, die Gedächtnisstiftung Peter Kaiser, Vaduz/Liechtenstein, im Juni 2005 als Sponsor für das Orgelprojekt zu gewinnen. Eine besondere Rolle spielte hierbei auch die intensive Pflege der Werke des großen Liechtensteiner Komponisten Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901) in der Alten Kapelle. Die Stiftung erklärte sich bereit, die Gesamtkosten in Höhe von letztendlich ca. 730.000,– € zu übernehmen, und zwar unter der Auflage, dass „die neue Orgel in der päpstlichen Basilika Alte Kapelle zu Regensburg als Schenkung an den Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., gehen und wenn möglich auch nach ihm benannt werden“ solle. In einem Schreiben vom 28. Juni 2005 ließ Papst Benedikt XVI. wissen, dass er diesen Vorschlag sehr begrüße. Die Orgel solle jedoch in das Eigentum des Kollegiatstifts übergehen. (Schreiben an den Stiftsdekan Hubert Schöner).

Die Gedächtnisstiftung Peter Kaiser wurde 1985 zum Gedenken an den großen Liechtensteiner Peter Kaiser (1793–1864) errichtet, um dessen Verdienste als Pädagoge, Historiker und Politiker für den Staat Liechtenstein zu würdigen. Die gemeinnützige Stiftung fördert im Sinne Peter Kaisers kulturelle, wissenschaftliche und soziale Aktivitäten. Bereits 2002 stiftete sie Papst Johannes Paul II. eine Orgel für die Sixtinische Kapelle in Rom, ebenfalls von der Firma Mathis AG/Näfels erbaut.

Im Januar 2006 wurde die alte Hirnschrodt-Orgel abgebaut. Nach umfangreichen Vorbereitungen in der Schweizer Werkstatt wurde die neue „Papst-Benedikt-Orgel“ vom 1. Mai bis zum 14. Juli 2006 in der Alten Kapelle errichtet. Die Intonation erfolgte anschließend bis unmittelbar vor dem Besuch des Heiligen Vaters am 13. September 2006 durch Firmenchef Hermann Mathis.


DISPOSITION

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DER BAU DER NEUEN ORGEL

Das überkommene Gehäuse der Orgel von Andreas Weiß wurde im Juni 2005 minutiös vermessen. Dabei wurde festgestellt, dass es im Laufe der Zeit teilweise beträchtliche Veränderungen erfahren hat. Am Unterbau waren der originale, geschweifte Abschluss des ursprünglich eingebauten Spieltisches, die gesamte Spielnische sowie verschiedenes Schnitzwerk in Füllungen und Konsolen nicht mehr vorhanden. Im Bereich des Oberwerks fehlten Dach und Seitenwände, während sich innerhalb des Gehäuses eine nicht originale Tragkonstruktion fand, die nun wieder entfernt ist.

Bald stand die Frage im Raum, wie Weiß einst das voluminöse Pfeifenwerk des Pedals mit drei 16’ Registern in den dafür vorgesehenen Pedaltürmen untergebracht hat. Die maximale Höhe für die Pedalpfeifen beträgt ab Stockkante 4,40m, die längsten Pfeifen der 16’-Register messen jedoch wesentlich mehr, z.B. Violon-Baß 16’= 5,10m. Aussparungen im Architrav der Gehäuserückseite belegten, dass die vier größten Pfeifen des Principal-Baß 16’ direkt an der Gehäuseaußenwand angebracht waren und bis unter die Oberkante des Oberwerks reichten.

In Übereinstimmung mit dem historischen Gehäuse folgt die Disposition der neuen Orgel mit geringfügigen Erweiterungen derjenigen von Andreas Weiß. Verantwortlich für die endgültige Disposition waren Prof. Norbert Düchtel, amtlicher Orgelsachverständiger, Undorf, Prof. Josef Kohlhäufl, Lappersdorf, und Hermann Mathis, Orgelbauer, Näfels/Schweiz. Mit 40 Registern auf zwei Manualen und Pedal verfügt das Instrument gerade durch seine Zweimanualigkeit über vielfältigste Klangmöglichkeiten.

Am 8. August 2005 begannen mit der Herstellung von Einzelteilen (insbesondere des Pfeifenwerks) die ersten Arbeiten in der Werkstatt. Die Pfeifenanordnung bereitete in den Manualwerken keine Probleme. In den Pedaltürmen war das Platzangebot jedoch sehr beschränkt. Weiß hatte deshalb, wie bereits erwähnt, die größten Pfeifen des Principal-Baß 16’ außerhalb des Gehäuses an der Gehäuserückwand aufgestellt. Auf diese Lösung wurde nun wieder zurückgegriffen. Ausschnitte am Fuß der Gehäuserückwand sowie Spuren in der Balkenkonstruktion der Empore ließen vermuten, dass sich einst einige Pedalregister auch an der Kirchenrückwand in einem separaten Gehäuse befanden. Auch dieser besonderen Vorgabe folgte man.

Im Zuge der Dispositionsoptimierung wurde beschlossen, einige Nebenregister einzubauen, wie sie im Barock und Spätbarock sehr beliebt waren. Dieser Entscheid entstand in Hinblick auf die klanglichen Vorstellungen der Entstehungszeit der Stiftskirchenausstattung sowie auf Grund der Tatsache, dass bereits Vorgängerorgeln in der Stiftskirche solche Nebenregister besessen hatten.

Glockenspiel
Das im Oberwerk eingebaute Glockenspiel mit 39 gestimmten Schalenglocken (c°–d’’’) und mechanisch zuschaltbarer Traktur wurde in historischer Bauart nach dem barocken Orgelbauer Stumm konzipiert.

Nachtigall
Die Nachtigall besteht aus einer lotosflötenähnlichen Kolbenpfeife auf einer eigenen Windlade. Sowohl der Hub des Kolbens wie auch die Schaltvorgänge des Tonventils werden ähnlich Vogeluhrwerken aus der Barockzeit mechanisch über Walzen gesteuert.

Kuckuck
Der Kuckucksruf wird mit zwei gestimmten Holzpfeifen erzeugt, die wie der Rossignol über eine Walze mechanisch angesteuert werden.

Vogelgesang
Der Vogelgesang ist mit drei im Wasser stehenden Pfeifen konstruiert.


DER SPIELTISCH

Die ursprüngliche Spielnische wurde aufgrund der Spuren am Gehäuse rekonstruiert. Die Klaviaturen sind auf Konsolen an das historische Orgelgehäuse angebaut. Die Registerstaffelei, das Notenpult und die höhenverstellbare Orgelbank sind in Nussbaum gefertigt.

Klaviaturen
Die Spielanlage verfügt für Hauptwerk (I) und Oberwerk (II) über 2Manualklaviaturen mit einem Tonumfang C–a’’’ = 58 Tasten. Die Untertasten sind mit Knochen belegt und die Obertasten aus Ebenholz gefertigt.
Die 30 Pedaltasten C–f’ = 30 Töne sind doppelt geschweift und in Nussbaum gefertigt, die Obertasten mit Ebenholz belegt.
Die Backen der Manualklaviaturen sind in Nussbaum geschnitzt. Die angewandte Formensprache wurde den Stuckaturen an den Kranzgesimsen der Kirchen entlehnt.
Über dem Spieltisch ist, farbig gefasst, das Wappen Papst Benedikts XVI. angebracht, dem die Orgel zugeeignet ist.
Im Notenbrett sind die Wappen des Kollegiatstifts sowie des heutigen Stiftsdekans eingelegt.

Registerzüge
Die Registerzüge sind in vertikalen Reihen auf zwei zu beiden Seiten der Manualklaviaturen befindliche Staffeleien verteilt. Die Form der Manubrien orientiert sich an vergleichbaren Formen des Barock. Sie sind aus Ebenholz gefertigt, auf den stirnseitig eingelegten Knochenschildern sind die Registernamen schwarz graviert, wobei Register, die es in der einstigen Weiß-Orgel nicht gab, mit roten Initialen versehen sind.

Koppeln
Die Koppeln wirken als Tritte und Züge: II-I, I-PED, II-PED.

System
Die Ton- und Registertrakturen sind rein mechanisch.

Trakturen
Die Manualtrakturen sind mit einer selbstspannenden Mechanik versehen. Die Abstrakten sind in ausgesuchter Alpenfichte hergestellt und die Wellatur in nahtlos gezogenen Stahlwellen mit punktgeschweißten Wellenarmen ausgeführt. Die Registerzugstangen sind in Massivholz, die Registerbäume in Schmiedeeisen ausgeführt.
Zusätzlich sind der Registertraktur für eine Setzeranlage elektrische Zugapparate mit den entsprechenden Komponenten zugefügt.


TECHNISCHE DATEN DER PAPST-BENEDIKT-ORGEL

Gehäuse (1791) Breite: 6,30 m
Höhe: 9,20 m
Tiefe: 1,94 m
Prospektpfeifen Die Werkanordnung ist am Prospekt gut ablesbar: Im Zentrum steht das Hauptwerk mit fünf klingenden (sowie zwei kleinen stummen) Pfeifenfeldern, gekrönt vom Oberwerk sowie flankiert in den beiden seitlichen Harfenfeldern vom Pedal.
Spieltisch 2 Manualklaviaturen zu 58 Tasten C–a’’’
1 Pedalklaviatur zu 30 Tasten c–f’
47 Registerzüge für 40Register, 1Tremulant, 3Koppeln sowie 3 Nebenregister (Glockenspiel, Vogelgesang, Nachtigall)
3 Tritte für die Koppeln, 1Piston als Sequenzer der Setzeranlage,
1 Tritt „Zungen ab“ sowie 1Tritt für das Nebenregister „Kuckuck“
Windladen insgesamt 7 Windladen (2 Windladen für das Hauptwerk, 1 Windlade für das Oberwerk sowie insgesamt 4 Windladen für das Pedal)
Winddruck Hauptwerk: 74 mm WS
Oberwerk: 68 mm WS
Großpedal: 82 mm WS
Kleinpedal: 90 mm WS
Register insgesamt 40 klingende Register (35Labial-, 5Zungenregister),
4 Nebenregister (Glockenspiel, Vogelgesang, Nachtigall, Kuckuck)
Pfeifen insgesamt 2448 Pfeifen (2100 Metall- und 348 Holzpfeifen)
Längste Pfeife C des Violon Baß 16’ im Pedal = 4,83 m
Kürzeste Pfeife a’’’ der Quint 1 1/3’ im Oberwerk = 7 mm
(jeweils ohne Fuß)
Stimmung Neidhardt III („für eine Stadt“) 1724.


DIE WEIHE DER PAPST-BENEDIKT-ORGEL
AM 13. SEPTEMBER 2006

Der 13. September 2006 wurde für das Stift ein weiteres bedeutsames Datum und ein höchst denkwürdiger Tag: Der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. besuchte die päpstliche Basilika und weihte die nach ihm benannte neue Orgel. Er überließ diese ihm von der Gedächtnisstiftung Peter Kaiser (1793–1864) in Vaduz/Liechtenstein gewidmete und von der Schweizer Firma Orgelbau Mathis AG erbaute Orgel dem Kollegiatstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle als Geschenk.

Der Stiftsdekan der Alten Kapelle, der die Verhandlungen um die neue Orgel für das Stift führte und die Durchführung der laufenden Arbeiten koordinierte, begrüßte den Heiligen Vater in der prachtvollen Stiftsbasilika mit den Worten: „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Kommt lasst uns jubeln und seiner uns freuen!“
Papst Benedikt würdigte in seiner Ansprache die kirchenmusikalische Tradition der Alten Kapelle und charakterisierte die besondere Bedeutung der Kirchenmusik für die Liturgie.

„Liebe Freunde!
Dieses altehrwürdige Gotteshaus, die Basilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, ist prachtvoll renoviert – wir sehen es – und erhält mit dem heutigen Tag eine neue Orgel, die in dieser Stunde gesegnet und so feierlich ihrem Zweck, der Verherrlichung Gottes und der Auferbauung des Glaubens, übergeben wird.
Von einem Kanoniker dieses Stiftes, Carl Joseph Proske, gingen im 19. Jahrhundert wesentliche Impulse zur Erneuerung der Kirchenmusik aus. Der gregorianische Choral und die altklassische Vokal­polyphonie wurden in den liturgischen Ablauf integriert. Die Pflege der liturgischen Kirchenmusik in der Alten Kapelle war von überregionaler Bedeutung und machte Regensburg zu einem Zentrum der kirchenmusikalischen Reformbewegung, deren Auswirkung bis in die Gegenwart reicht.
In der Liturgie-Konstitution des II. Vaticanums (Sacrosanctum ­Concilium) wird verdeutlicht, dass „der mit dem Wort verbundene gottesdienstliche Gesang ein notwendiger und integrierender Bestandteil der feierlichen Liturgie ist“ (vgl. Nr. 112). Das bedeutet, dass Musik und Gesang mehr sind als eine (auch überflüssige) Zierde des Gottesdienstes. Sie gehören zum Vollzug der Liturgie, ja, sie sind selbst Liturgie. Feierliche Kirchenmusik mit Chor, Orgel, Orchester und Volksgesang ist also keine die Liturgie umrahmende und verschönende Zutat, sondern eine wichtige Weise tätiger Teilnahme am gottesdienstlichen Geschehen. Die Orgel wird seit alters und zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnimmt und – es wurde gesagt – die Fülle des menschlichen Empfindens von der Freude bis zur Traurigkeit, vom Lob bis zur Klage zum Schwingen bringt. Darüber hinaus weist sie, wie alle gute Musik, über das Menschliche hinaus auf das Göttliche hin. Die Vielfalt ihrer Klangfarben, vom Leisen bis zum überwältigenden Fortissimo, erhebt sie über alle anderen Instrumente. Alle Bereiche des menschlichen Seins kann sie zum Klingen bringen. Die vielfältigen Möglichkeiten der Orgel mögen uns irgendwie an die Unbegrenztheit und Herrlichkeit Gottes erinnern.
Im Psalm 150, den wir eben gehört und innerlich mitgebetet haben, werden Hörner und Flöten, Harfen und Zithern, Zimbeln und Pauken genannt, all diese Instrumente sollen zum Lob des dreifaltigen Gottes beitragen. In einer Orgel müssen die vielen Pfeifen und die Register eine Einheit bilden. Klemmt es hier oder dort, ist eine Pfeife verstimmt, dann ist dies zunächst vielleicht nur für ein geübtes Ohr vernehmbar. Sind mehrere Pfeifen nicht mehr richtig gestimmt, gibt es Disharmonien, und es wird unerträglich. Auch die Pfeifen dieser Orgel sind Temperaturschwankungen und Ermüdungseinflüssen ausgesetzt. Das ist ein Bild für unsere Gemeinschaft. Wie in der Orgel eine berufene Hand immer wieder die Disharmonien zum rechten Klang vereinen muss, so müssen wir auch in der Kirche in der Vielfalt der Gaben und der Charismen immer neu durch die Gemeinschaft des Glaubens den Einklang im Lob Gottes und in der geschwisterlichen Liebe finden. Je mehr wir uns durch die Liturgie in Christus verwandeln lassen, umso mehr werden wir fähig sein, auch die Welt zu verwandeln, indem wir die Güte, die Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Christi ausstrahlen.
Die großen Komponisten haben je auf ihre Weise mit ihrer Musik letztlich Gott verherrlichen wollen. Johann Sebastian Bach hat viele seiner Partituren mit den Buchstaben S.D.G. überschrieben; Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre. Und Anton Bruckner setzte den Satz voraus: Dem lieben Gott gewidmet. Mögen alle Besucher dieser herrlichen Basilika von der Pracht dieses Bauwerkes über die Liturgie mit dem Wohlklang der neuen Orgel und dem festlichen Gesang zur Freude am Glauben geführt werden. Das ist mein Wunsch am Tag der Einweihung dieser neuen Orgel.“

(Quelle: H. Kerscher/H. Mathis: Die Papst-Benedikt-Orgel in der Stiftskirche Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle Regensburg, Regensburg 2006, Schnell-Kunstführer Nr. 2647)

Fotos: Stefan Gruber, Regensburg; Anton Brandl, München; Philipp Schönborn, München; L’Osservatore Romano, Rom; altrofoto.de/Uwe Moosburger, Regensburg; Mathis Orgelbau/Günter Lade, Näfels; Peter Münzer, Neutraubling; Administration Alte Kapelle; Roman von Götz, Regensburg